Der tägliche Spagat im Team

Kurzübersicht: Eine Sozialarbeiterin steht auf, geht zum Flipchart und zeichnet sich selbst im „Spagat“ – mit einem Bein in ihrer bisherigen Rolle, mit dem anderen auf einer seit Monaten unbesetzten Stelle. Plötzlich wird im Team spürbar, worum es wirklich geht: Nicht nur um Mehrarbeit, sondern um ein soziales Gefüge, das sich still verändert hat. Der Beitrag zeigt, wie fehlende Stellen Zusammenarbeit, Verantwortung und Belastungsgrenzen in Teams nachhaltig verschieben.

Der Moment am Flipchart

 

„Ein täglicher Spagat. Genau so fühlt es sich an.“ Mit diesen Worten stand eine Sozialarbeiterin in einer von mir geleiteten Teamsupervision auf, ging zum Flipchart und zeichnete sich selbst: mit einem Bein in ihrer bisherigen Rolle und mit dem anderen an einer Stelle, die seit Monaten unbesetzt war.

 

Dieses Bild veränderte sofort die Atmosphäre im Raum.

Wenn Teamstrukturen sichtbar werden

 

Zuvor hatten wir gemeinsam die aktuelle Teamstruktur sichtbar gemacht. Es ging darum, wer aktuell mit wem arbeitet, wo Informationen zusammenlaufen und wie sich Rollen, Zuständigkeiten und Kommunikationswege verändert haben, seit mehrere Kolleginnen das Team verlassen haben.

 

In den vergangenen Monaten waren in dieser sozialen Einrichtung verschiedene Stellen weggefallen – durch Einsparungen und durch Pensionierungen, die nicht nachbesetzt wurden.

Wenn Lücken Beziehungen verändern

 

Mit jeder freien Stelle wurden nicht nur personelle Lücken sichtbar. Auch die Beziehungen im Team begannen sich zu verändern. Verbindungen rissen ab, und plötzlich stellten sich Fragen, die vorher kaum bewusst waren:

 

Wer stimmt sich künftig mit wem ab? Wer übernimmt Entscheidungen, die früher klar zugeordnet waren? Wer fängt Spannungen auf? Und wo landen all die Rückfragen, die früher selbstverständlich bei bestimmten Personen aufgehoben waren?

Mehr als nur Mehrarbeit

 

Als die Sozialarbeiterin ihren „Spagat“ am Flipchart ergänzte, wurde im Raum sehr deutlich, worum es eigentlich ging.

 

Es ging nicht nur um Mehrarbeit oder eine höhere Fallbelastung. Es ging um ein Team, dessen gesamtes soziales Gefüge sich verändert hatte. Denn mit den weggefallenen Kolleginnen fehlten nicht nur Arbeitskraft und Fachwissen, sondern auch vertraute Kommunikationswege, informelle Abstimmungen und Menschen, die Orientierung gegeben oder Verantwortung getragen hatten.

 

Und es ging um die Erhaltung der eigenen Gesundheit. Es wurde sichtbar, wie stark die Menschen in den Teams in solchen Situationen zwischen fachlichem Anspruch, Verantwortung und eigener Belastungsgrenze ausbalancieren müssen.

Die stille Verschiebung im Alltag

 

Viele Teams versuchen solche Veränderungen zunächst pragmatisch aufzufangen. Aufgaben werden umverteilt, jemand übernimmt zusätzliche Fälle, andere springen ein, wenn es nötig ist, und Entscheidungen werden dort getroffen, wo gerade Kapazität vorhanden ist. Oft geschieht das sehr selbstverständlich und mit großem Engagement. Gleichzeitig bleiben diese Verschiebungen im Alltag häufig unausgesprochen, obwohl sie die Zusammenarbeit massiv prägen.

Sichtbar machen, was sich verändert hat

 

Die Visualisierung am Flipchart löste die Situation nicht sofort. Aber sie half dem Team, gemeinsam zu verstehen, was sich eigentlich alles verschoben hatte. Und genau dafür fehlt im Alltag sozialer Organisationen oft die Zeit: innezuhalten und bewusst wahrzunehmen, dass sich nicht nur einzelne Aufgaben verändert haben, sondern ganze Muster der Zusammenarbeit.

Wenn aus Veränderung Neuordnung wird

 

Denn nach jedem Weggang beginnt auch ein Prozess der Neuordnung. Zuständigkeiten verschieben sich, neue Kommunikationswege entstehen, und bisher unausgesprochene Regeln werden neu ausgehandelt – meist still und nebenbei.

 

Wenn diese Prozesse sichtbar gemacht werden, entsteht keine sofortige Lösung, aber ein wichtiger gemeinsamer Bezugspunkt. Teams und Leitungen können dann beginnen, darüber zu sprechen, wie Zusammenarbeit unter diesen veränderten Bedingungen überhaupt gelingen kann.

Der Spagat als Bild für viele Teams

 

Der „Spagat“ der Sozialarbeiterin ist deshalb mehr als ein einzelnes Bild. Er steht für viele Teams, in denen Menschen versuchen, zwischen alten Strukturen und neuen Realitäten gleichzeitig zu funktionieren.

 

Oft entsteht dabei ein hoher innerer Anpassungsdruck: Mitarbeitende sollen Verlässlichkeit vermitteln, obwohl Orientierung und Sicherheit im System selbst brüchig geworden sind. Nach außen bleibt vieles professionell und handlungsfähig – während im Inneren Anspannung, Ambivalenz oder Erschöpfung zunehmen. Gerade deshalb lohnt es sich, solchen Bildern und inneren Reaktionen Aufmerksamkeit zu schenken: Sie machen sichtbar, was in Veränderungsprozessen häufig lange unausgesprochen bleibt.

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