
Kurzübersicht: Können Blumen die Atmosphäre in Teams verändern? In einer angespannten Teamsupervision zeigte sich überraschend deutlich, wie stark Räume und scheinbar kleine Details auf Menschen wirken können. Der Beitrag verbindet persönliche Erfahrungen aus der Arbeit mit Systemischen Strukturaufstellungen nach SySt® mit psychologischen Erkenntnissen über „Priming“ – und zeigt, warum Blumen manchmal weit mehr sind als bloße Dekoration.
Vor einiger Zeit begleitete ich eine Teamsupervision, in der die Stimmung zu Beginn spürbar angespannt war. Die Beteiligten arbeiteten schon lange zusammen, doch im Alltag hatten sich Konflikte, Missverständnisse und stille Vorwürfe aufgebaut. Gespräche verliefen zäh, manches wurde nur noch zwischen den Zeilen kommuniziert, und das gegenseitige Vertrauen hatte deutlich gelitten.
Für die gemeinsame Arbeit nutzte ich unter anderem Methoden aus den Systemischen Strukturaufstellungen nach SySt® sowie hypnosystemische Ansätze. Wie so oft ging es zunächst darum, Strukturen und Abläufe aus der Sicht der Beteiligten darstellen zu lassen, damit sie für sich wahrnehmen konnten:
Neben der eigentlichen Prozessarbeit spielte an diesem Tag jedoch noch etwas anderes eine Rolle – etwas scheinbar Nebensächliches. Im Raum hing ein Bild mit Blumenmotiven an der Wand. Darunter stand ein Blumenarrangement, bewusst ausgewählt, um eine ruhige und offene Atmosphäre zu unterstützen.
Zu Beginn schenkte diesen Details kaum jemand Aufmerksamkeit. Die Konzentration lag verständlicherweise auf den Spannungen im Team. Manche wirkten innerlich angespannt, andere eher erschöpft oder vorsichtig distanziert.
Doch im Verlauf der Supervision veränderte sich etwas Interessantes.
Während die Beteiligten in einer sogenannten SySt®-Miniatur – einer Kurzform eines Strukturaufstellungsformats – verschiedene Positionen im Raum einnahmen und begannen, ihre Wahrnehmungen und Gefühle auszusprechen, wurde die Atmosphäre allmählich ruhiger.
Als sich die Teammitglieder danach wieder hinsetzten, waren die Gespräche offener, der Ton weicher. Und irgendwann erwähnte eine Teilnehmerin fast beiläufig, dass ihr der Blick auf die Blumen guttue. Es helfe ihr, innerlich ruhiger zu bleiben und nicht sofort wieder in die alte Anspannung zu kippen.
Nach und nach griffen andere das auf. Die Blumen wurden auf einmal zu mehr als nur Dekoration. Mehrere Teilnehmende beschrieben später, dass sie beim Blick auf das Arrangement etwas wie Lebendigkeit, Entwicklung oder auch Hoffnung gespürt hätten. Für manche wurde es zu einem stillen Orientierungspunkt im Raum – zu etwas, das half, Abstand zu belastenden Gedanken zu gewinnen und wieder klarer auf Lösungen zu schauen.
Gerade in der Arbeit mit Systemischen Strukturaufstellungen ist das ein spannender Moment. Denn dort zeigt sich immer wieder, dass äußere, nichtpersonale Dinge sozusagen „in die Aufstellung hineinrutschen“ können und plötzlich etwas Wesentliches repräsentieren – ohne dass man genau benennen müsste, was es eigentlich ist.
In der repräsentierenden Wahrnehmung der Beteiligten übernimmt manchmal ein Gegenstand eine Funktion im Prozess. Er wird zu etwas Bedeutungsvollem, das meist emotional wahrgenommen wird, obwohl es ursprünglich gar nicht ausdrücklich Teil der Aufstellung war.
Blumen scheinen dabei erstaunlich häufig etwas Ressourcenvolles zu verkörpern. Ganz gleich, ob es Schnittblumen, Blumentöpfe oder sogar nur ein Blumenbild sind: Sie stehen oft für Lebendigkeit, Wachstum, Entwicklung, Schönheit oder Hoffnung. Für etwas, das stärkt, beruhigt oder innerlich wieder in Bewegung bringt.
Und genau das war auch in dieser Supervision spürbar.
Doch auch unabhängig von der Strukturaufstellungsarbeit wirken sich Blumen in unterschiedlichster Form positiv auf Psyche und Stimmung aus.
Dass natürliche Elemente unser emotionales Erleben beeinflussen, wurde inzwischen in vielen Forschungen beschrieben.
Die Psychologin, Soziologin, Mediatorin und SySt®-Therapeutin Christa Kolodej greift diesen Zusammenhang in ihrem Buch „Priming – Stärkende Räume entstehen lassen“ sehr anschaulich auf. Dort beschreibt sie, wie Räume, Bilder, Farben oder natürliche Elemente innere Prozesse beeinflussen können – oft unbewusst und dennoch sehr wirksam.
In der Neuropsychologie wird dabei unter anderem vom sogenannten „Priming“ gesprochen. Gemeint ist, dass äußere Reize bestimmte innere Zustände aktivieren oder begünstigen können. Blumen können dadurch beispielsweise Ruhe, Offenheit, Verbundenheit oder Zuversicht fördern, ohne dass Menschen das bewusst steuern.
Gerade im Arbeitsalltag wird dieser Einfluss häufig unterschätzt.
Dabei entscheidet Atmosphäre oft mit darüber, wie Menschen miteinander sprechen, wie konfliktfähig ein Team bleibt und ob Vertrauen entstehen kann.
Seit dieser Supervision achte ich noch bewusster darauf, wie Räume gestaltet sind. Nicht, weil Blumen Konflikte lösen würden. Natürlich tun sie das nicht. Aber sie können Bedingungen mitgestalten, unter denen Menschen wieder leichter miteinander in Kontakt kommen.
Vielleicht lohnt es sich deshalb tatsächlich, scheinbar kleine Dinge ernster zu nehmen. Denn manchmal beginnt Veränderung genau dort, wo niemand sie vermuten würde: in einem stillen Blick auf ein paar Blumen mitten im Raum.
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Kolodej, Christa:
Vorhemus, Ursula: