
Kurzübersicht: Am Beispiel eines ehemaligen Bankmitarbeiters zeigt der Beitrag, warum Organisationen nicht nur über offizielle Hierarchien funktionieren. Informelle Rollen, langjährige Erfahrung und historisch gewachsene Beziehungen prägen Teams oft stärker als Organigramme vermuten lassen. Besonders zeitliche Hierarchien wirken im Hintergrund als wichtiger Stabilitäts- und Einflussfaktor – auch ohne formale Führungsposition.
Auch wenn es schon sehr viele Jahre zurückliegt, denke ich noch oft an meine Zeit in einer Bankfiliale zurück. Besonders an einen Kollegen, den ich nie vergessen habe: M.
Offiziell war M „Manipulant“ – so lautete damals tatsächlich seine Arbeitsbezeichnung. Er hatte keine klassische Bankausbildung und er war in der formalen Hierarchie ganz unten eingeordnet. Seine Aufgaben bestanden vor allem darin, sich um Drucksorten, organisatorische Abläufe, technische Belange und all jene Dinge zu kümmern, die im Alltag oft unsichtbar bleiben.
Und doch war M eine der wichtigsten Personen in der gesamten Filiale. Sobald er nicht da war, entstand spürbare Unruhe. Plötzlich wusste niemand mehr genau, wo bestimmte Formulare lagen, wie einzelne technische Abläufe funktionierten oder was dringend nachzubestellen war. Noch wichtiger aber: Es fehlte jemand, der die Menschen so gut kannte.
Was vielleicht noch erwähnenswert ist – ältere Leserinnen und Leser werden sich vermutlich erinnern:
Damals war Bankbetreuung oft noch sehr persönlich. Viele Kundinnen und Kunden hatten über Jahre hinweg eine enge Beziehung zu „ihrer“ Filiale aufgebaut – und M kannte die meisten von ihnen. Er wusste, worauf Menschen Wert legten, welche Gewohnheiten sie hatten und welche kleinen Gesten Vertrauen entstehen ließen.
Einige nannten ihn respektvoll „Herr Chef“.
Dabei hatte M formal keinerlei Führungsfunktion. Dennoch hörten sowohl langjährige Mitarbeitende als auch neue Kolleginnen und Kollegen gerne auf seinen Rat. Selbst Personen in leitenden Positionen orientierten sich oft an seiner Erfahrung.
Schon damals wurde mir etwas sehr Grundlegendes klar:
Organisationen funktionieren nicht ausschließlich über offizielle Hierarchien.
Heute begegnet mir dieses Zusammenspiel aus formellen und informellen Hierarchien beinahe täglich – insbesondere in der Teamsupervision.
Natürlich brauchen Organisationen klare Strukturen. Rollen, Funktionen und Zuständigkeiten schaffen Orientierung. Transparente Hierarchien helfen dabei, Verantwortung zu klären, Entscheidungen zu treffen und Prozesse effizient zu gestalten.
Doch gleichzeitig wirken in jedem Team auch informelle Strukturen.
Es gibt Menschen, die offiziell vielleicht keine hohe Position innehaben und dennoch enormen Einfluss ausüben, weil sie wichtiges Wissen sichern, tragende Beziehungen pflegen, Orientierung geben und oft im Hintergrund dafür sorgen, dass das gesamte System stabil bleibt.
Besonders spannend sind dabei zeitliche Hierarchien – also die Bedeutung der Reihenfolge, in der Menschen Teil eines Teams oder einer Organisation geworden sind, ihrer Zugehörigkeitsdauer, ihrer Erfahrung sowie der historisch gewachsenen Beziehungen innerhalb eines beruflichen Systems.
Menschen, die schon lange Teil einer Organisation sind, prägen Kultur und Zusammenarbeit häufig stärker, als Organigramme vermuten lassen.
Zeitliche Hierarchien stellen damit einen wesentlichen Wirkfaktor in Unternehmen dar – auch wenn ihre Tragweite meist nicht an jene offizieller Hierarchien heranreicht.

In der Arbeit mit Teams nutze ich zur Visualisierung solcher Dynamiken häufig Elemente der Systemischen Strukturaufstellungen nach SySt®.
Dabei wird immer wieder deutlich: Die „unsichtbaren Ordnungen“ einer Organisation relativieren offizielle Strukturen häufig – manchmal unterlaufen sie diese sogar.
Plötzlich treten ganz andere Fragen in den Vordergrund:
Gerade zeitliche Hierarchien werden dabei oft unterschätzt, obwohl sie Entscheidungen, Loyalitäten und Zusammenarbeit maßgeblich beeinflussen können.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, in Organisationen öfter genauer hinzusehen.
Denn nicht immer sind jene Menschen die eigentlichen Orientierungspunkte eines Systems, die offiziell ganz oben stehen.
Manchmal sitzt „der Chef“ oder die „Chefin“ an einer ganz anderen Stelle. Jenseits von Titel, Position und Organigramm.
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Vorhemus, Ursula: