
Kurzübersicht: Im Eisbergmodell nach M. Täuber wird deutlich: Gewisse Themen lassen sich in der verbalen Beratung gut bearbeiten, tiefere Veränderungen von Verhalten und Gewohnheiten erfordern jedoch mehr als das reine Gespräch, und die größten, verborgenen Kräfte – körperliche, emotionale und organismische Prozesse – sind nur über die Körperebene zu erreichen. Systemische Strukturaufstellungen (SySt®) nutzen die repräsentierenden Körperwahrnehmung, um solche Prozesse erfahr- und veränderbar zu machen.

Nein, ich habe keinen Abstecher nach Grönland gemacht. Ich habe vor einiger Zeit an einem Webinar der WKNÖ mit Dr. Marcus Täuber, Neurobiologe und unter anderem Kollege in der Psychosozialen Beratung, teilgenommen. Hauptthema dieses Abends waren „Ängste“ – die damit verbundenen Prozesse im Organismus lassen sich jedoch auf zahlreiche andere psychische Phänomene übertragen.

Neben vielen wissenswerten Erkenntnissen aus der Hirnforschung nutzte Täuber zur Veranschaulichung die einfache und einprägsame Metapher des Eisbergmodells, die ich hier in meinen eigenen Worten gekürzt wiedergebe:
Auch wenn der Wind den Eisberg von oben in eine bestimmte Richtung drücken will, folgt er letztlich der Meeresströmung unter Wasser. Entscheidend ist nicht das Sichtbare, sondern die unsichtbare Kraft darunter.
Wir können uns bewusst noch so sehr vornehmen, etwas zu verändern – anders zu handeln, neue Ziele zu verfolgen oder alte Muster abzulegen. Wenn sich auf tieferen Ebenen nichts mitbewegt oder sogar Widerstand entsteht, kommen wir dennoch nicht voran. Dann „zieht“ etwas Unsichtbares in eine andere Richtung.

Vielleicht stellst du dir jetzt die Frage, wie ich vom Eisbergmodell mit den drei Ebenen der Veränderung zur Strukturaufstellungsarbeit komme.
Dazu ein praktisches Beispiel aus meinem Beratungsalltag:
Eine Klientin möchte sich beruflich klarer positionieren und „endlich sichtbar werden“. Auf der kognitiven Ebene ist alles klar: Die Argumente sind schlüssig, die Ziele formuliert.
Ein zentraler Faktor in der Systemischen Strukturaufstellung nach SySt® ist die repräsentierende Körperwahrnehmung. Sie wird auch in der Einzelarbeit genutzt, um Unterschiede im Erleben erfahrbar zu machen, die sonst nicht – oder nur schwer – zugänglich wären.
In der gemeinsamen Arbeit stellt die Klientin im Raum Figuren für ihren Fokus – ich nenne ihn „das bewusste Ich“ – sowie für „Sichtbarkeit“, „Erfolg“ und „Sicherheit“ auf. Anschließend stellt sie sich selbst an diese Positionen.
Schon beim Einnehmen der Fokusposition zeigt sich eine deutliche körperliche Spannung, während „Sichtbarkeit“ als bedrohlich erlebt wird. Auf der Verhaltensebene drängt es „das bewusste Ich“ der Klientin nach vorne; auf einer tieferen Ebene wird sie jedoch von einem starken Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit zurückgehalten. Erst als dieses unterschwellige Thema Raum bekommt und über die Wahrnehmung von Unterschieden auf der Körperebene – das heißt über die repräsentierende Körperwahrnehmung – in seinen psychosozialen Zusammenhängen bearbeitet wird, können erste Schritte in die gewünschte Richtung gesetzt werden.
Das Eisbergmodell, angewandt auf die Systemische Strukturaufstellungsarbeit nach SySt®, macht somit deutlich:
Wirksame Beratung beginnt oft „oben“, entscheidet sich aber „unten“ – dort, wo die stärksten, meist unsichtbaren Kräfte wirken: auf der Körperebene.
Abschließend ein paar ergänzende Gedanken zum „Eisbergthema“:
Zahlreiche Positionen aus Neurowissenschaft und Philosophie weichen mehr oder weniger von diesen Standpunkten ab. Dennoch bleibt spannend: Wie lassen sich diese Perspektiven einordnen – und was bedeutet das für die Systemische Strukturaufstellungsarbeit?
Diesen Fragen werde ich in einem eigenen Beitrag nachgehen.
Ich freue mich, wenn du weiter dran bleibst!
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