Gehirn, Psyche und Erleben – Neurobiologie, Philosophie und Systemische Strukturaufstellungen (SySt®)

Kurzübersicht: Neurowissenschaft, Philosophie und Systemische Strukturaufstellungen (SySt®) werden miteinander in Beziehung gesetzt, um menschliches Erleben aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Während neuropsychologische Erkenntnisse zeigen, wie frühere Erfahrungen unser Fühlen und Handeln prägen, eröffnen philosophische Gedanken einen Blick auf das Ich als etwas, das in Beziehungen entsteht. Strukturaufstellungen bieten dabei einen Erfahrungsraum, in dem neue Perspektiven, Wahrnehmungen und mögliche Lösungswege entstehen können.

Von der Neuropsychologie zur philosophischen Betrachtung

 

Im letzten Beitrag standen die drei Ebenen der Veränderungen im Zusammenhang mit den Neurowissenschaften und den Systemischen Strukturaufstellungen (SySt®) im Mittelpunkt – veranschaulicht durch ein Eisbergmodell.

 

Wie angekündigt möchte ich heute den Rahmen erweitern, nochmals kurz auf die neurobiologische Faktoren eingehen und einige philosophisch orientierte Überlegungen einbeziehen. Die „Klammer“ bilden dabei erneut die Systemischen Strukturaufstellungen.

Das limbische System – der Sitz unsere Psyche und Persönlichkeit?

 

Unser Erleben, unsere Persönlichkeit und unsere Gefühle sind eng mit unserem Gehirn verbunden – besonders mit dem limbischen System, wie Forschungen auf dem Gebiet der Neurowissenschaft zeigen. Dieses System spielt eine zentrale Rolle für unser seelisches Erleben und unsere inneren Reaktionsmuster.

 

Der Sitz unserer Psyche und damit unserer Persönlichkeit wird daher aus Sicht des Neurowissenschaftlers Gerhard Roth und anderer Fachleute oft im Gehirn verortet. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen stützen diese Annahme.

 

Dazu ein kurzer, vereinfachter Blick auf diese Zusammenhänge:

Frühprägungen und Gedächtnisebenen

 

Besonders früh gemachte Erfahrungen hinterlassen tiefe neuronale Spuren im limbischen System. Solche Muster prägen, wie wir denken, fühlen und handeln – und lassen sich später oft nur schwer verändern. Erfahrungen, die wir erst später im Leben machen, sind dagegen leichter beeinflussbar.

 

Man unterscheidet drei Ebenen des Gedächtnisses:

 

  1. Erleben, Vorstellungen und Erinnerungen
    Diese Ebene ist im Gespräch gut zugänglich – wir können darüber nachdenken und sprechen.

  2. Verhalten und Gewohnheiten
    Eingeübte Handlungsweisen lassen sich zum Beispiel durch therapeutische Ansätze oder gezielte Übungen verändern.

  3. Körpergedächtnis
    Auf dieser tiefsten Ebene sind Erfahrungen gespeichert, die oft unbewusst wirken. Veränderungen sind hier – wenn überhaupt – meist nur über neue Körpererfahrungen möglich.
Was wir aus der Neuropsychologie noch wissen:

 

Neuronale Verbindungen, die sich aufgrund problematischer Erlebnisse gebildet haben, verschwinden nie vollständig, können aber durch intensive neue, positive Erfahrungen abgeschwächt oder überlagert werden.

 

Roth beschreibt diesen Prozess als „Kontrastieren“, „Überschreiben“ oder „Infiltrieren“ bestehender Muster.

 

Voraussetzung dafür ist ein besonderer Aufmerksamkeitszustand, der vom gewohnten Alltagsdenken abweicht und als Trance bezeichnet wird. Dabei handelt es sich nicht um ein passives Wegdriften, sondern um einen wachen, aktiven Zustand, in dem wir unser Erleben bewusst gestalten können.

Eine andere Sicht: „Ich ist nicht Gehirn“

 

Eine deutlich andere Perspektive liefert der Philosoph Markus Gabriel. Er wendet sich gegen die Vorstellung, dass der menschliche Geist – und somit die Psyche oder „das Ich“ auf Gehirnprozesse reduziert werden könnten. Seine zentrale, provokante These lautet: „Ich ist nicht Gehirn.“

 

Damit wendet sich Gabriel gegen den sogenannten Neurozentrismus. Was für ihn aber nicht bedeutet, dass das Gehirn für Fühlen, Denken und Handeln unwichtig sei. Vielmehr betont er, dass das Selbst kein Objekt ist, das irgendwo lokalisiert werden kann.

 

Für Gabriel entstehen kurz gesagt Bewusstsein und Personsein im Zusammenspiel von Sprache, Beziehungen, Bedeutungen und sozialen Kontexten. Menschliches Erleben lässt sich aus dieser Sicht nicht vollständig naturwissenschaftlich erklären.

 

Die Implikationen sind tiefgreifend: Veränderung geschieht weniger durch das „Umschreiben“ neuronaler Muster, sondern durch neue Erfahrungen, neue Selbstverhältnisse und neue Bedeutungszusammenhänge. Das Ich ist ein Prozess, der in Beziehungen und Erleben entsteht – nicht nur durch biochemische Vorgänge in Nervenzellen.

Zwei Perspektiven – ein Erfahrungsraum

 

Auf den ersten Blick wirken die Positionen von Roth und Gabriel widersprüchlich: Roth betont die neuronale Verankerung früher und späterer Erfahrungen und die daraus erwachsende Persönlichkeit – Gabriel die Unabhängigkeit des Ich vom Gehirn. Aus meiner persönlichen, systemisch geprägten Sicht lassen sich jedoch beide Perspektiven als komplementär verstehen:

 

  • Die Neurowissenschaft zeigt, wie Erfahrungen körperlich, insbesondere im Gehirn und im Nervensystem, verankert sind. Und sie veranschaulicht, wie Therapie und Beratung auf der Körperebene ansetzen können.

  • Die philosophische Perspektive zeigt, wie wir uns selbst, andere und unsere Welt deuten. Dabei geht es um Geistiges, das sich durch naturwissenschaftliche Prozesse weder ausreichen erklären noch in seinem Entstehen, Sein oder Werden festlegen lässt.    
Neurobiologie trifft Philosophie in den Systemischen Strukturaufstellungen (SySt®)

 

Hier setzen die Systemischen Strukturaufstellungen (SySt®) an. Ob in der Gruppe oder im Einzelsetting: Wir arbeiten mit subjektiven inneren Bildern – sozusagen mit inneren Modellen der Wirklichkeit oder inneren Landkarten. Diese folgen keiner Logik im rationalen Sinne. Lebende und verstorbene Personen können zeitgleich auftreten. Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges vermischen sich mitunter. Dinge und Abstraktes werden ebenso in das innere Modell der Wirklichkeit eingebaut wie psychische und körperliche Aspekte – und zwar so, als handele es sich dabei um Elemente eines sozialen Systems.

 

So gesehen entziehen sich diese Bilder dem rationalen Denken und Reden. Sie sprechen vielmehr Hirnareale an, die dem limbischen System zugeordnet werden.

 

Von Beginn bis zum Ende einer Strukturaufstellung befinden wir uns in einem veränderten Aufmerksamkeits- und Bewusstseinszustand. Laut Hirnforschung ist ein solcher Trancezustand eine Voraussetzung dafür, dass tiefgreifende Veränderungen im Erleben und Verhalten möglich werden. So können wir im Strukturaufstellungsprozess etwas wahrnehmen, das nicht offensichtlich ist, und zugleich etwas ausblenden, das im Alltagsbewusstsein klar erkennbar wäre.

 

Dabei verläuft das Erleben stark über den Körper – ebenfalls eine wichtige neurobiologische Grundlage für Veränderung. In der Strukturaufstellungsarbeit sprechen wir von repräsentierender Körperwahrnehmung. Durch Unterschiede in der Körperwahrnehmung lassen sich subjektiv erste Schritte in eine andere, erwünschte Richtung ableiten.

 

Gleichzeitig zeigt sich in einer Strukturaufstellung oft etwas Überraschendes, also etwas, das nicht plan- oder machbar ist: das Phänomen. Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd, die Begründer der Systemischen Strukturaufstellungen, beziehen sich hierbei auf die Phänomenologie Edmund Husserls. Dabei handelt es sich um eine philosophische Erkenntnistheorie, die von der Dekonstruktion bestehender menschlicher Muster und Prägungen bis hin zum „transzendentalen Ich“ reicht. Grundsätzlich hat nach Husserl jeder Mensch Zugang dazu, wird jedoch immer wieder rasch von Alltagskonstruktionen eingefangen.

 

Die Annahme ist, dass es im gemeinschaftlichen Strukturaufstellungsprozess gelingen kann, in einem Wechsel von Konstruieren und Dekonstruieren Anschluss an eine Art „transzendentales Wissen“ zu finden. Dieses Wissen befindet sich nicht in oder bei jemandem, sondern es entsteht fortlaufend im „Dazwischen“ – also in den Unterschieden der Beziehungsgestaltung und damit auch in den Unterschieden des Icherlebens. Das wiederum kann, folgt man der Religionsphilosophie Martin Bubers, nie isoliert, sondern immer nur in Bezug auf ein „Du“ erscheinen.

 

Zurück zu den Phänomenen und damit zu einer Art überpersönlichem „Wissen“ im Strukturaufstellungsgeschehen: Der Zugang dazu verschwindet wieder, wenn wir aus dem Prozess aussteigen. Was bleibt, ist die Erinnerung daran – als Anstoß, eigenständig weitere „Lösungswege“ zu generieren. Und zwar einerseits ausgelöst durch biochemische Prozesse auf Körperebene und andererseits auf der Grundlage eines freien Geistes – nicht verortbar und dennoch eingebunden in unsere Beziehungen.

 

So können Themen ganzheitlich erfasst und bewegt werden: körperlich spürbar, emotional erfahrbar und zugleich als bedeutungsvolle Erfahrung in Beziehungen und sozialen Systemen erlebbar.

 

Auf diese Weise verbinden Strukturaufstellungen beide Perspektiven:

 

Der Mensch ist weder nur Gehirn noch nur Bedeutung, sondern ein leiblich eingebettetes, sinnverstehendes Wesen, das sich im Erleben selbst immer wieder neu ordnet.

Fazit:

 

Veränderung geschieht dort, wo Kopf, Körper und Beziehungserleben zusammenkommen. Systemische Strukturaufstellungen (SySt®) schaffen einen Raum, in dem wir alte, oft unbewusste oder unterschwellig wirkende Denk- und Verhaltensmuster neu wahrnehmen, emotionale und körperliche Erfahrungen verbinden und neue Wege ausprobieren können – unmittelbar erfahrbar und bedeutsam, sowohl im privaten Alltag als auch im beruflichen Umfeld.

„Fragen zum Mitnehmen“:

 

  • Welche Muster oder Gewohnheiten möchtest du spürbar verändern?

  • Bist du bereit, Dein „Ich“ und dein Erleben in einem neuen Zusammenhang zu entdecken?

Dann melde dich gerne bei mir.

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Literatur-/Quellenhinweise:

 

Buber, Martin:

 

  • Ich und Du (1995). Stuttgart (Reclam). 

 

Gabriel, Markus:

 

  • Ich ist nicht Gehirn (2023). Berlin (Ullstein). 

 

Husserl, Edmund:

  • Husserliana. Gesammelte Werke. Bd. 2: Die Idee der Phänomenologie. Fünf Vorlesungen (1950). Dordrecht u. a. (Kluwer).

 

Roth, Gerhard & Strüber, Nicole:

 

  • Wie das Gehirn die Seele macht (2018). Stuttgart (Klett-Cotta). 

 

Roth, Gerhard & Ryba, Alicia:

 

  • Coaching, Beratung und Gehirn: Neurobiologische Grundlagen wirksamer Veränderungskonzepte (2016). Stuttgart (Klett-Cotta). 

 

Sparrer, Insa:

 

  • Wunder, Lösung und System. Lösungsfokussierte Systemische Strukturaufstellung für Therapie und Organisationsberatung (2002). Heidelberg (Carl Auer). 
  • Systemische Strukturaufstellung. Theorie und Praxis (2006). Heidelberg (Carl Auer).
  • Einführung in Lösungsfokussierung und Systemische Strukturaufstellungen (2007). Heidelberg (Carl Auer). 


Sparrer, Insa & Varga von Kibéd, Matthias :

  • Klare Sicht im Blindflug. Schriften zur Systemischen Strukturaufstellung (2010). Heidelberg (Carl Auer). 

 

Vorhemus, Ursula:

 

  • Systemische Strukturaufstellungen (SySt®): Systemisch – Konstruktivistisch – Phänomenologisch (2015). Aachen (Ferrarimedia).
  • Systemische Strukturaufstellungen (SySt®): Hypnosystemisch – Lösungsfokussiert (2015). Aachen (Ferrarimedia).
  • Systemische Strukturaufstellungen (SySt®): Transverbal – Grammatisch (2015). Aachen (Ferrarimedia).